Landesbetrieb plant um: Eiderbrücke nur kurzzeitig gesperrt
Bedenken sind so lange kein Beweis, bis die Fakten vorliegen. Ein Gutachten zeigt nun, dass all die spontane Kritik an einer mehrmonatigen Sperrung der Eiderbrücke bei Tönning zwecks ihrer Sanierung berechtigt ist.
Die Eiderbrücke verbindet die Halbinsel Eiderstedt mit dem Landkreis Dithmarschen. | Foto: Nico Leonhardt
Die Cima, Institut der Regionalwirtschaft in Hannover, hat eine Fülle an Fakten zusammengetragen – vor allem in gründlichen Interviews mit Betroffenen aus der Region. Am Mittwoch, 14. Januar, ist das Gutachten von der Industrie- und Handelskammer Flensburg (IHK) veröffentlicht worden.
Nehmen wir als Beispiel den Tourismus. Ergebnis: Die Brücke hat eine zentrale Bedeutung. Bis zu 40 Prozent aller Buchungen seien auf spontane Durchreise- oder Kurzaufenthalte der Gäste zurückzuführen. „Diese Nachfrage ist besonders sensibel gegenüber verkehrlichen Einschränkungen“, heißt es wörtlich in dem Papier. Bereits Ankündigungen von Sperrungen würden dazu führen, dass Gäste ihre Reiserouten vorab anpassen und alternative Ziele wählen. Die Forscher gehen von einem Ausfall der Nachfrage aus.
Belastungen im Verkehr: Sogar der Mond dient den Gutachtern als Referenzobjekt. Zwar betrügen die Umwege im Einzelfall durchschnittlich nur 3,5 Kilometer je Fahrt und somit etwa bis zu acht Minuten mehr Aufwand, aber sie summierten sich gesamt auf bis zu 1,35 Millionen Kilometer pro Monat, somit bis zur 3,5-fachen Entfernung zwischen Erde und Mond. Gleichzeitig gingen demnach bis zu 48.000 Fahrstunden verloren. Das wiederum seien 5,5 Lebensjahren. Noch einmal: pro Monat Vollsperrung.
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In Sommermonaten würde das gesamt 164.100 Euro kosten, in Wintermonaten 215.500 Euro. Der Mehraufwand der Wirtschaft für die längeren Fahrzeiten sollen sich demnach auf 63.500 Euro pro Wintermonat belaufen und 73.000 Euro in einem Sommermonat.
Das Gutachten war von der IHK in Auftrag gegeben worden – in Kooperation mit dem Unternehmensverband Unterelbe-Westküste (UVUW), dem Verein Infrastruktur Westküste/Vestkysten und der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Nordfriesland (WFG-NF). Ziel war ausschließlich, gesellschaftliche und ökonomische Auswirkungen einer temporären Sperrung
der Eiderbrücke zu untersuchen. Im Vorfeld war auch diskutiert worden, ob ein Ersatzneubau oder eine Sanierung im Bestand wirtschaftlicher wäre und welche technischen Planungen sinnvoller seien. Diese Punkte seien ausdrücklich ausgeklammert worden.
Als dieses Gutachten am Mittwoch, 14. Januar, im Kreishaus vorgestellt wurde, ist im Rahmen der Diskussion sehr viel klarer geworden, wie die Arbeiten ablaufen sollen. Von einer mehrere Monate dauernden Vollsperrung ist nicht mehr die Rede. Frank Quirmbach, Direktor des Landesbetriebs Verkehr, betonte, dass alles getan werde, um die Zeiten für Vollsperrungen „kleinstmöglich“ zu halten. Die beiden Vorlandbrücken sollen bei einspurigem Verkehr saniert werden. Die Strombrücke müsse für den Tausch der Klappen mit einem Schiffskran voll gesperrt werden. Aber auch dort sollen nun auf die Widerlager Platten gelegt werden, über die der Straßenverkehr einspurig geführt werden könne. Quirmbach sah sich nicht in der Lage, die Kernzeiten der Sperrung genau zu nennen, aber sie sollen außerhalb der des Eidersperrwerks liegen.
Nicht weiter verfolgt werde ein kompletter Ersatz, weil das Bauwerk nicht abgängig sei, sondern – so wie jetzt – grundsaniert auch noch „40 bis 60 Jahre“ stehen bleiben könne. Daher werde der Bund das wohl kaum in seine Neubauplanung aufnehmen. Für einen Ersatz müssten 18 Meter lange Pfähle gerammt werden – und das in einem besonders geschützten Natura 2000-Gebiet.
Rickmer Topf, Vorsitzender des Vereins Infrastruktur Westküste, zweifelt an dem im Gutachten genannten Mehraufwand für Kilometer und Zeit. Schließlich würden schon heute wegen des Ausbaus der B5 Lkw hinter Friedrichstadt über Hennstedt abgeleitet, somit mehr als drei bis vier Minuten mehr. Und er habe in seinem 40-jährigen Kampf für bessere Infrastruktur die Erfahrung gemacht, dass solche Arbeiten „stets länger dauern als angekündigt.“
Daher erkundigte sich Matthias Hüppauff, Geschäftsführer der WFG-NF, ob nicht auch nachts und an Wochenenden durchgearbeitet werden könne. Das sei womöglich teurer, aber auch schneller. Der VLB-Chef erläuterte, dass etliche Kolonnen aus anderen Bundesländern kämen und sich auf Vier-Tage-Wochen eingestellt hätten, dafür aber bis in den späten Abend arbeiten würden. Nachtarbeit werde wegen der Geräuschbelastung in diesem Fall nicht genehmigt.
Doris Ipsen, sie ist Geschäftsführerin des UVUW, erklärte, dass etliche von ihr vertretenen Mitgliedsfirmen in den vier Westküstenkreisen mehrmals täglich über die Brücke müssten. Für die summierten sich die Belastungen deutlich höher auf. „Für die ist die Brücke überlebenswichtig.“
„Das Gutachten erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit“, sagte Tönnings Bürgermeisterin Dorothe Klömmer. Darum ergänzte sie, dass allein der aktuelle Ausbau der B5 lokale Geschäfte bis zu 30 Prozent ihres Umsatzes kosten würden, wie Umfragen gezeigt hätten. Und bezüglich des Tourismus fügte sie hinzu, dass es besonders schwer sei, einmal verlorene Gäste zurückzugewinnen.
Zu Beginn hatten Landrat Florian Lorenzen und sein Dithmarscher Kollege Thorben Schütt ihre Positionen noch einmal unterstrichen. Schütt bezeichnete die Brücke als „Lebensader der Region“. Er erinnerte daran, dass eben erst das Infrastruktur-Zukunftsgesetz das Bundeskabinett passiert habe, mit dem Planungen deutlich beschleunigt werden sollen. Das sollte dann noch für diese Planungen wirksam werden.
Florian Lorenzen sah einen Lichtblick darin, dass das Gutachten auch der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung deutlich machen könne, welche Folgen lange Sperrzeiten für die Region hätten. Qirmbach hatte schon daran gedacht, mit dem Gutachten auch die für die Eider als Bundeswasserstraße zuständigen Stellen beeindrucken zu können. Es hänge auch von der Schifffahrtsverwaltung ab, welche Sperrzeiten schließlich verbindlich vereinbart würden.
Birger Bahlo