Wachtmeister mit Herz
Die dunkelblauen Uniformen machen Polizisten nach außen alle gleich. Doch in jeder steckt eine eigene Persönlichkeit. Familie, Schulen, Berufe und Freundeskreise haben sie geprägt. Die Ausbildung in Eutin, Gesetze und Erlasse bilden für alle die selben Grundlagen. Doch dann entscheiden die Beamten für sich, wie sie sich inhaltlich spezialisieren und wie sie mit ihrer Kundschaft umgehen. Da hat Polizeihauptkommissar Bernd Busch für sich klar entschieden: Rund 30 Jahre hat er in seiner „Traumdienststelle“ in Tönning auf Jugendarbeit einen Schwerpunkt gelegt und jungen Menschen nach Straftaten zurück auf den richtigen Weg geholfen. Jetzt geht er in den Ruhestand und erzählt aus seinem bunten Leben als Polizist in Eiderstedt.
Foto: Bahlo/EK
Bernd Busch (63) ist mit Leib und Seele Polizist. Doch zum 1. September geht er in den Ruhestand und muss damit seine Tönninger „Traumdienststelle“ räumen, wie er die Station stets genannt hat. Er wollte unbedingt in dem ihm von klein auf vertrauten Umfeld arbeiten, mit tiefen familiären Wurzeln – und das auf Dauer. So lehnte Bernd Busch im Laufe der Jahre sogar Angebote auf Versetzung ab. Er ist in dem Punkt „Überzeugungstäter“, weil er es für sinnvoll hält, dass Polizisten lange an einem Standort bleiben. So erinnert er im Gespräch mit dem Eider-Kurier an die frühere Residenzpflicht, die Arbeit und Wohnen am selben Ort vorschrieb. Bernd Busch hat es offenbar genossen, und so konnte er sich auch gleich von Anfang an spezialisieren. Sein Chef habe es ihm früh ermöglicht, den Posten des Jugendsachbearbeiters zu übernehmen. Mit Leidenschaft hat er sich dem Thema gewidmet, denn sein Motto war „Wehret den Anfängen“. Sein Motto bringt er so auf den Punkt: „Es war immer mein Bestreben, den Kindern und Jugendlichen zu helfen, ein Vorbild zu sein, und ich habe stets versucht, die Betroffenen wieder auf den richtigen Weg zu bringen.“
Von Anfang an sei es ihm gelungen, gute Kontakte zu Einrichtungen der Jugendhilfe, zu Schulen, Kindergärten und zu den Jugendlichen selbst aufzubauen. Er erinnert in dem Zusammenhang an Tina Scherer, Sozialarbeiterin der Realschule Tönning. Sie habe die Idee gehabt, ein Netzwerk aller Institutionen aufzubauen, die mit Jugendlichen arbeiten. Der Kreis, der sich „Schule – Soziales – Polizei“ nennt, trifft sich vierteljährlich zum Gedankenaustausch in der dänischen Schule, um Hilfen für Kinder und Jugendliche auszuarbeiten. Lob gab es dafür sogar vom Gericht, von der Jugendgerichtshilfe und der Staatsanwaltschaft. Der Eindruck aller Beteiligten ist, dass es weniger Straftaten als früher gibt.
Ein besonderer Dank gilt einer Kollegin. „Wir verstanden uns blind.“ Mit ihr habe er sich eng austauschen können, „die Jugendarbeit geführt und zu dem gemacht, wie wir sie heute in Eiderstedt haben.“ Bernd Busch schildert anonym, wie er – unabhängig von der Schwere der Straftaten – mit den Tätern umgeht. Die Anzeige wird gefertigt, und im Gespräch mit den Jugendlichen führt er ihnen vor Augen, was für Mist sie gemacht haben und dass das wiedergutgemacht werden muss. Das müsse „repariert“ werden und dann stünde ihnen alles im Leben wieder offen. „Selbst Wiederholer habe ich stets auf Augenhöhe behandeln wollen.“ Dabei habe ihm das Bibelzitat geholfen, „wer ohne Schuld sei, werfe den ersten Stein.“ Dann habe er auch von dem ein oder anderen Blödsinn erzählt, den er als Junge selbst verzapft habe. „Es gibt keinen, dem ich nicht immer wieder Hilfe angeboten habe“, sagt er, selbst jenen, die ihn auch mal bedroht haben. Busch erinnert auch an jene, die öfter straffällig geworden seien, „aber im Dreck gelebt haben“ und die sich Schritt für Schritt daraus befreit hätten. „Das finde ich toll, da ziehe ich meinen Hut davor.“
Während er spricht, strahlt der Polizist eine große Gelassenheit und das Vertrauen aus, das er auch in seine straffälligen Mitmenschen in Eiderstedt steckt. Das muss Wurzeln haben, die ihn nicht erst in der Ausbildung in Eutin getragen haben. Busch sagt: „Ich habe einen sehr guten Lehrmeister gehabt, das war mein Vater. Drees Busch war viele Jahre Bürgermeister in meinem Geburtsort Kotzenbüll und regelte die Dinge in aller Ruhe und mit Weitblick.“ Außerdem sei sein Vater Schiedsmann gewesen und habe dabei seine Persönlichkeit eingebracht.
Geprägt haben wird Bernd Busch aber auch sein eigenes Familienleben. Er hat vier Kinder und im Laufe der Jahre rund 20 Pflegekinder aufgenommen, ein Beleg dafür, welchen Einblick er auch in deren Familiengewinnen konnte. Bernd Busch fügt weitere Lehrmeister hinzu, alle bei der Firma Sihi. Weil er nach dem Realschulabschluss noch nicht 16 war, konnte er nicht direkt die Ausbildung bei der Polizei beginnen, sondern lernte Maschinenschlosser bei der Firma Sihi. „Die Meister dort haben uns nicht nur den Umgang mit der Feile gezeigt, sondern auch Fairness und Menschlichkeit rübergebracht.“ Und im Kreis der Kollegen bei Sihi habe er auch erkannt, dass es andere sehr viel schwerer im Leben haben. Gerne habe er mit ihnen zusammengesessen, das seien alle keine schlechten Leute gewesen, aber das Glück sei ihnen nicht so hold wie ihm selbst. Mit dem ein oder anderen habe er auch mal sein Brot geteilt. Da fällt ihm der Spruch der Eiderstedter ein, kein Herr sei über ihnen, kein Sklave unter ihnen. „Wie auch immer, die Zeit bei Sihi hat mich sehr geprägt.“
Die wohl wildeste Zeit hatte Bernd Busch direkt vor dem Wechsel nach Tönning. Von 1988 bis 1993 gehörte er zum Team des Zivilen Streifenkommandos, das vom Bezirksrevier in Husum Jagd auf Straftäter aller Art machte. „Etliche Festnahmen und Aufgriffe ließen uns stolz auf uns selbst sein.“ Brandstifer, Drogendealer, Vergewaltiger und Mörder habe er mit den Kollegen festnehmen können.
Nicht unerwähnt soll auch der Bäderdienst in St. Peter-Ording sein, zu dem er in seinen ersten Jahren zweimal abgeordnet worden war. Belastet hätten ihn schwere Unglücksfälle. Er habe sich immer Zeit für die Angehörigen von Opfern genommen. Schrecklich habe er es stets empfunden, wenn ohnehin einsame Menschen auch noch einsam sterben und sie erst nach längerer Zeit gefunden werden. „Das hat mich oft bewegt, dass das keinen im Umfeld interessiert hat.“
Bleibt die Frage, was er denn als Pensionär vorhat. Ein wenig unterstützen werde er seine Kinder, die die von seinem Vater gegründete Firma Busch Tore weiterführen. Dann soll es mit seiner jetzigen Frau öfter auf Reisen mit dem Wohnmobil gehen. Und er will die ohnehin bereits gepflegte Mitarbeit im Weißen Ring intensivieren. Der unterstützt Opfer von Straftaten, engagiert sich aber auch stark in der Prävention, damit es erst gar nicht zu Straftaten kommt. Womit Bernd Busch irgendwie wieder in seinem Element sein dürfte.