Wenn Träume wahr werden
Als „heidnisch“ bezeichnet Oke Jürgens die Plastik, die er in seiner Werkstatt im Tümlauer Koog schuf. Den nackten Frauenkörper mit skelettiertem Tierkopf und wuchtigem Geweih schmiedete und schweißte der Eiderstedter in seiner Freizeit. Das glänzende Fabelwesen aus Eisen steht an einem Sielzug und zieht die Blicke vorbeifahrender Autofahrer unweigerlich auf sich. Provozieren möchte er damit nicht. Er hat sich durch das Kunstwerk lediglich einen Traum verwirklicht – eine Vision, die er hatte. Noch vor wenigen Jahren hätte es der gelernte Kaufmann selbst nicht für möglich gehalten, dass er mit Hilfe von Feuer und Eisen so etwas erschaffen kann. Hatte er doch das Gefühl, handwerklich völlig unbegabt zu sein.
Oke Jürgens neben seinem Kunstwerk. | Foto: Torsten Beetz
Seitab der Koogstraße zwischen Sielzug und einer Handvoll kahler Bäume reflektiert der blanke Busen eines Fabelwesens die Sonnenstrahlen. Wenn das allein schon kein Hingucker ist, dann ist es zumindest das Geweih, das die Blicke der vorbeifahrenden Autofahrer im Tümlauer Koog auf sich zieht. Für gewöhnlich befinden sich auf dieser Strecke eher „Zimmer frei“-Schilder und Ferienhöfe machen irgendwie auf sich aufmerksam. Auch Oke Jürgens wohnt auf einem dieser Ferienhöfe – mit der Ausnahme, dass sich eben eine lebensgroße, strahlende Stahl-Plastik seitab an der Straße seines Domizils befindet.

Oke Jürgens ist ein Typ. Pastellfarbene Mütze auf dem Kopf, Rauschebart. „Rüm hart – klaar kiming“ – den friesischen Wahlspruch („Weites Herz – klarer Horizont“) strahlt er förmlich aus. Und doch ist er auf der Suche. „Ich dachte immer, ich kann das alles nicht. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich handwerklich nicht begabt sei. Vielleicht hat man mir dieses Gefühl auch nur gegeben“, sagt er und blickt in seiner kleinen Werkstatt um sich. Ein schwerer Amboss, jede Menge Hammer und Zangen, eine selbstgebastelte Schmiedefeuer-Stelle, Schweißgerät und Schraubstock befinden sich in dem Raum, seinem Atelier, das sich zwischen Schafboxen, Hühnerstall und Putenauslauf befindet. „Es gibt Leute, die behaupten, dass es hier wie bei Petterson und Findus aussehen würde“, sagt der 30-Jährige mit einem Schulterzucken, während ein paar Perlhühner aufgeregt aus dem Stall flüchten. Allerdings ist es nicht die Welt der berühmten Akteure aus den schwedischen Kinderbüchern. Es ist seine eigene Welt. Und die Wesen, die ihn umgeben, sind in seinen Händen entstanden: ein Rabe aus Blech, ein Fabelwesen aus Eisenplatten. Derzeit werkelt der Eiderstedter an einem Schaf aus Rundeisen und Blech herum.
Kein handwerkliches Geschick? Der Werdegang des Vaters eines dreijährigen Sohnes ist bunt. Nach dem Abitur studierte er ein paar Monate und erlernte dann den Beruf des Einzelhandelskaufmanns. Er folgte nämlich dem Rat seines Vaters: „Lern‘ erstmal was, dann hast Du immer Arbeit.“ Allerdings hatte der junge Mann irgendwann „Hunger auf etwas anderes“ und bewarb sich bei einem Hufschmied als Aufhalter. „Das ist der Sidekick des Schmieds“, erklärt Jürgens. Etwas mehr als zwei Jahre assistierte er seinem Chef beim Beschlagen von Pferden und entdeckte dabei seine Begeisterung für das Bearbeiten von Eisen. Dazu kam, dass ein ehemaliger Arbeitskollege auf Mittelalterfesten als Schmied im Einsatz war und er sich darin versuchen konnte. „Ich stellte plötzlich fest, dass ich etwas mit meinen Händen kann“, erzählt er – noch immer fasziniert ob dieser eigenen Feststellung.
Wenig später absolvierte Oke Jürgens erfolgreich einen Schweißkursus, arbeitete bei einem Tischler und ist seitdem selbstständig auf diversen Baustellen als „Universaltalent“ im Einsatz. Er selbst würde sich niemals als ein solches bezeichnen. Das entspräche auch nicht seiner Art. Zurückhaltend, fast schüchtern, erwähnt er, dass er sich nebenbei als stellvertretender Bürgermeister ehrenamtlich engagiert.
Doch zurück zum strahlenden Fabelwesen auf seinem Hof. Ein weiblicher Frauenkörper mit skelettiertem Schädel und Geweih. Ein Hingucker ohne Zweifel. Ein Kunstwerk, das ein Stück weit an den 2016 verstorbenen Eiderstedter Künstler Lothar B. Frieling erinnert, der seine Plastiken und Objekte als „Duftmarken“ in der Landschaft platzierte. Er habe von Frauen mit Geweihen auf dem Kopf geträumt, beschreibt Oke Jürgens den Ursprung des Fabelwesens, dessen Geweih aus Metall dem natürlich gewachsenen Kopfschmuck eines Hirsches so sehr ähnelt, dass der Betrachter ins Grübeln verfällt. „Das habe ich alles per Hand geschmiedet“, betont er und genießt dabei die anerkennenden und bewundernden Blicke des Betrachters.
Die Metall-Plastik wird noch viele Bewunderer finden – und vielleicht sogar ein Käufer dafür begeistern. „Irgendwann möchte ich von meiner Kunst leben“, sagt Oke Jürgens. Das aber ist ein anderer Traum des Oke Jürgens‘.